"Die Selbstuntersuchung bleibt unverzichtbar"

Der Urologe Prof. Dr. Jan Roigas über die hohen Heilungsraten bei Hodenkrebs und warum die Erkrankung trotzdem nicht unterschätzt werden darf.

Herr Professor Roigas, über 90 Prozent der Männer mit Hodenkrebs werden wieder gesund. Ist Hodenkrebs weniger gefährlich als andere Krebsarten?

Das würde ich so nicht sagen. Hodenkrebs kann leicht metastasieren und durchaus gefährlich werden. Früher war die Erkrankung sogar extrem schwer heilbar. Das hat sich Dank der Einführung des Chemotherapeutikums Cisplatin in den 1970er Jahren kolossal verändert. Seither haben wir selbst bei metastasierten Hodentumoren hohe Heilungsraten.

Cisplatin war der Durchbruch?

Das Zytostatikum war ganz sicher ein Durchbruch. Allerdings gibt es Patienten, die nicht darauf ansprechen und dann eben doch an einem Hodentumor versterben. Deshalb ist auch bei dieser Krebserkrankung die Früherkennung so wichtig.

Ein Früherkennungsprogramm bei Hodenkrebs gibt es nicht. Was raten Sie den Männern?

Jeder Mann sollte sich mindestens einmal im Jahr die Hoden abtasten, besser noch öfter. Eine regelmäßige Selbstuntersuchung ist insbesondere für Männer zwischen 25 und 45 Jahren unverzichtbar. In dieser Altersgruppe ist Hodenkrebs die häufigste Tumorart bei Männern.

Gibt es weitere Risikogruppen?

Das Risiko steigt, wenn in der Familie bereits Hodenkrebs aufgetreten ist oder wenn Männer im Kindesalter wegen eines Hodenhochstands operiert worden sind. Auch Männer, die schon mal Hodenkrebs hatten, sind gefährdeter als andere. Männer mit diesen Risikofaktoren sollten besonders wachsam sein.

Und auf was achten?

Ein erster Hinweis ist in den meisten Fällen eine einseitige schmerzlose Vergrößerung oder Verhärtung des Hodens. Hinzukommen kann ein Schweregefühl oder ein Ziehen im Hodenbereich. Derartige Veränderungen sollten unbedingt von einem Urologen abgeklärt werden.

Urologische Untersuchungen sind nicht unbedingt beliebt.

Die Untersuchung ist weder schmerzhaft noch invasiv, da kann ich Entwarnung geben. Der Urologe wird bei einem solchen Verdacht den Hoden abtasten und per Ultraschall untersuchen. Außerdem wird er dem Patienten Blut abnehmen, um die beiden Tumormarker Alpha-Fetoprotein und Beta-HCG zu bestimmen. Damit steht die Diagnose meist schon fest. Absolute Gewissheit bringt dann letztlich die Operation.

Bei der OP wird der vom Krebs befallene Hoden entfernt. Welchen Einfluss hat das auf die Fruchtbarkeit?

Theoretisch keinen. Praktisch ist es so, dass aus bislang ungeklärten Gründen bei vielen Hodentumorpatienten die Spermienqualität auch im gesunden Hoden eingeschränkt ist. Wir raten deshalb jungen Männern vor Beginn der Therapie, Samen in einer Samenbank zu deponieren. Dies nennt sich Kryokonservierung. Zumal Chemotherapie und Bestrahlung die Fertilität weiter schädigen können. Die genauen Zusammenhänge zwischen Therapie und Spätfolgen werden augenblicklich anhand von Langzeitdaten erforscht.

Werden die Erkenntnisse Einfluss auf Therapieentscheidungen haben?

Schon jetzt geht die Entwicklung dahin, die Therapie auf das notwendige Minimum zu beschränken. Also mehr Patienten nur aktiv zu überwachen und die Anzahl der Chemotherapiezyklen zu reduzieren. Auch die Bestrahlung bei nicht-metastasierten Hodentumoren verliert derzeit an Bedeutung. Ziel ist, die Toxizität und Strahlenbelastung so weit wie möglich zu reduzieren. Nach diesem Prinzip Verfahren wir auch bei der Nachsorge.

Inwiefern?

Einen jungen Mann über Jahre hinweg regelmäßig mit einem CT zu untersuchen, führt zu einer derart hohen Strahlenbelastung – das geht gar nicht. Jetzt werden neuere Nachsorgeprotokolle entwickelt, die weniger Nebenwirkungen haben, bei gleicher Sicherheit.

Prof. Dr. Jan Roigas ist Vorstandsmitglied der Berliner Krebsgesellschaft und Chefarzt der Vivantes Kliniken für Urologie Am Urban und im Friedrichshain, Berlin.